The Jon Spencer Blues Explosion – Intro: Interview (PRESS, GERMANY)

April 2002 Intro Issue #93
The Jon Spencer Blues Explosion - Intro: Interview (PRESS, GERMANY)
NOTES:
Interview with Jon Spencer from the time of Plastic Fang (Text: Felix Scharlau).

Jon Spencer states that Elliott Smith sings on the song Dock which was released as Tore Up & Broke from the Australian 2xCD and UK / US vinyl editions of the album.

The in-house promo [Plastic Fang] LA Mixes… featured two versions of this track titled as ‘Dock’.

Thanks to Ben.

ARTICLE TEXT:
Das fühlt sich an wie Backstage bei einem Festival für Nachwuchsbands: Judah Bauer fragt nach dem Interview höflich nach den aktuellen redaktionellen Schwerpunkten von INTRO, um anschließend lächelnd selbstgebrannte CDs mit den neuen Stücken von 20 Miles zu verschenken, seiner anderen Band neben Jon Spencer Blues Explosion (JSBX), in der er mit seinem Bruder Donovan spielt. Ob ich mir das nicht auch mal anhören wolle, es würde ihn freuen, und danke auch noch für das Gespräch. Die Typen von der guten alten JSBX. Immer schon einen Schritt weiter, Richtung Zukunft, könnte man jetzt denken und hätte wahrscheinlich Recht damit, wäre da nicht ihr neues Album “Plastic Fang”.

Das überrascht in einiger Hinsicht. Rein phänomenologisch betrachtet aber dadurch, dass es der oben beschriebenen Erkenntnis zu widersprechen scheint: Denn JSBX 2002 halten inne und schauen zurück. Auf ihre eigene musikalische Vergangenheit, vor allem aber auf die des Rock’n’Roll im allgemeinen. Und sind dabei ohne Zweifel nahbarer und originärer als je zuvor.

“‘Plastic Fang’ ist auf gewisse Weise unserer ersten Platte sehr ähnlich. Eine richtige Rock-Platte eben. Es geht einfach nur um uns als Band, wie wir Rock’n’Roll live im Studio spielen”, meint Jon Spencer und klingt so, als habe er das in den letzten sechs Stunden Interview-Marathon schon öfter gesagt. Zur Erinnerung: “Crypt-Style” hieß diese erste Platte, von der er spricht. Und wer sie jetzt, zehn Jahre nach ihrer Entstehung, wieder hört, stellt beruhigt fest: Der heutige Wunsch nach dem ursprünglichen Bandgefühl von damals verheißt im Falle der JSBX kein negativ beseelter Rückschritt, sondern wieder einmal etwas Ergreifendes. “Crypt-Style” – das war nach dem Ende von Pussy Galore JSBXs überraschend reifer Auftakt zu einer Reihe von großartigen Platten, die in den 90ern die Tür zu einer Rock-Gegenwelt aufstießen, vor der es selbst in einem Jahrzehnt voller Rock-Hypes immer ein Gedränge gab. Diese Tür verhieß den Eintritt in eine derbe, aber auch unglaublich unterhaltsame Gegenwelt zum vergleichsweise depressiven Grunge und seiner Vielzahl von erbärmlichen Epigonen der dritten Stunde. Ein Gegenentwurf aber auch zum Revival von Punk, zu Brit-Pop und dem Muckertum von Crossover, zum Manierismus contra der vermeintlichen Offenheit von Postrock und später auch zu dem, was jetzt NuMetal genannt wird.

Und selbst als Bestandteil von Indie waren JSBX doch irgendwie immer eine Nummer für sich: Was musikalische Einflüsse anbelangt, folgten sie unverhohlen traditionell den amerikanischen R&B-, Rock- und Soul-Traditionen, in der stilistischen Verschmelzung desselben waren sie gleichzeitig aber vor allem überbordend innovativ und live sowieso eine Offenbarung. Aber aus heutiger Sicht heraus auch avantgardistisch? Jon Spencer interessieren solche Überlegungen nicht, das wird im Interview deutlich. “Es gibt kein Konzept”, betont er, “es geht um die Entwicklung der Band und um die Entwicklung der einzelnen Bandmitglieder. Und warum wir jetzt gerade diese Songs schreiben? Weil das eben der Punkt ist, an dem wir gerade sind.”

Plastic Fang Und an eben diesem Punkt kommt jetzt das neue Album “Plastic Fang” (“Plastik-Vampirzähne”) ins Spiel. Eigentlich kein wirklich programmatischer Titel für ein Album, auf dem es in erster Linie um reine, ursprüngliche Rockmusik gehen soll, oder? Spencer: “Ja, stimmt. Aber einige Songs auf dem Album beziehen sich auf diese klassische Horror-Symbolik, die ja auch das Artwork der Platte bestimmen. Ich wollte einen Titel, der diese Symbolik aufgreift. In gewisser Hinsicht ist das natürlich auch etwas paradox, denn ‘Plastic Fang’ impliziert ja eigentlich etwas Künstliches und in vielerlei Hinsicht ist das ja jetzt unsere authentischste, realste Platte. [zögert] Mhh, ja ich denke gerade noch mal drüber nach … [lacht]. Irgendwie bin ich jetzt nicht mehr so sicher, ob es dafür einen guten Grund gab.”

Also weiter, endlich zur Musik, zu den zwölf Songs, für die sich im Gegensatz zum Vorgänger “ACME” nur ein Produzent von Anfang bis Ende verantwortlich zeichnete: Steve Jordan, der u. a. beide Solo-Platten von Keith Richards produziert hat. Welchen Einfluss hatte er denn auf die Vorgehensweise? Spencer: “Wir haben uns diesmal sehr viel Zeit gelassen. Instrumente auswählen, Mikrofone testen und sie positionieren – all diese Sachen eben. Die Songs waren ja alle schon fertig, bevor wir ins Studio gingen. Bei manchen ließen wir es dennoch lange laufen, bis wir den richtigen Take gefunden hatten. Steve Jordan hatte an all diesen Prozessen großen Anteil. Wir gingen durch ihn sehr methodisch vor, so dass wir das erste Mal eine Platte auf eine sehr traditionelle Weise aufgenommen haben. Im Ergebnis geht es bei ‘Plastic Fang’ um diese Songs, um diese Band – logisch -, aber eben auch um diesen Engineer.”

Und vor allem letzteres glaubt man auf “Plastic Fang” oft zu hören. Der erste Song, “Sweet and Sour”, beginnt zwar mit einer nervös klingenden, zerhackten Gitarre, die für kurze Zeit die Erwartung eines zweiten “Now I Got Worry” nähren kann, doch nur Sekunden später zeichnen sich weiche, glasklare Rock’n’Roll-Riffs ab, denen von Keith Richards tatsächlich nicht unähnlich. Und erst die Singleauskopplung: “She said” steht wohl mehr für das Label “catchy Chart-Hit” ein, als dies je ein anderer Song von JSBX konnte oder wollte. Auf “Plastic Fang” klingen Jon Spencer, Russell Simins und Judah Bauer in Teilen fast wie geläutert vom Underground und seinen Dogmen – weg der Hall und das Gain auf der Stimme, weg mit all der Schrägheit, her mit dieser Schlichtheit und Geradlinigkeit, die schon unsere Eltern an Rock’n’Roll liebten. Eine Verbeugung also eher vor dem Rock, Soul oder Blues der jungfräulichen Tage als vor deren angesägter Überlieferung der letzten, sagen wir mal, zwanzig Jahre. Dass sich diese Entwicklung, die sich auch schon auf “ACME” abzeichnete, ihren bisherigen Höhepunkt ausgerechnet in Return-of-Rock-Zeiten erreicht, in denen The White Stripes mit ihrem kalkuliert trashigen Sound und einem “Hotel Yorba” begeistern und sogar weit in den US-Charts vorrücken, könnte “Plastic Fang” aus der Sicht des schnöden Zeitgeistes auch angreifbar machen. Dem schon immer autark agierenden System von JSBX seine Entwicklungen jedoch madig machen zu wollen oder der Band sogar Anbiederung an den Mainstream vorzuwerfen, das wäre bei all der Unberechenbarkeit ihres Schaffens erstens vorschnell. Zweitens in Bezug auf “Plastic Fang” sowieso zu kurz gegriffen, denn genau an dieser vermeintlichen Gratwanderung generiert sich die Größe des neuen Albums: Ein bewusstes Zugeständnis an den Song – an seine Strophen, aber eben vor allem an den Refrain in seiner geilen, aufputschenden Emotionalität. Gebrochener Stadionrock hier und heute im verrauchten Club, called Wohnzimmer.

Make it fucked up, trotzdem Aber bei allem, was auf “Plastic Fang” irgendwie ungewohnt klingt – die Basis all dessen bleibt weitgehend wie gehabt. Never change a winning team, schon gar nicht, wenn Stagnation durch die verkrampfte Determination eines strikt geschlossenen musikalischen Gefüges droht. Hieß für die Vergangenheit: Zwei Remix-Alben, “Experimental Remixes” und “Acme Plus” sowie zahlreiche Gastauftritte, u. a. von R.L. Burnside. Heute nun: Elliott Smith, Dr. John und Funkadelic-Keyboarder Bernie Worrell als Gastmusiker. Jon Spencer: “Es ist einfach klasse, den Songs noch Dinge hinzuzufügen. Es ist aufregend, wenn man im Studio ist und sich denkt, Oh wow, über diesen Teil könnte man doch noch eine Orgel legen. Das macht einfach eine Menge Spaß. Dass Elliott Smith auf ‘Dock’ mit mir zusammen singt, hat den Song – abgesehen vom Spaß, den wir hatten – auch unglaublich nach vorne gebracht. Genauso ist es bei Dr. John und Bernie Worrell. All diese Leute haben tolle Beiträge zur Platte geleistet.”

Bei allem, was JSBX über Kollegen und Vorbilder sagen, wird deutlich, dass sie bei ihrer Suche nach dem perfekten Rocksong trotz all des erworbenen Selbstvertrauens im Rücken nach wie vor ihrem Wesen als große Musikfans viel Platz lassen. Gefragt, warum die Texte auf “Plastic Fang” und früheren Platten meist ungebrochen sehr traditionelle – oft schlicht altbackene – Thematiken aufgreifen (siehe das Chaingang-Klagelied “Killer Wolf”, dessen Text genauso gut vom Johnny Cash der “Sun”-Jahre stammen könnte), reagiert Jon Spencer in seiner Befangenheit daher auch ein wenig verständnislos. “Naja, es ist eben sehr einfach für mich, über persönlichen Schmerz oder Leiden durch einen fiktiven mythologischen Charakter zu sprechen”, sagt’s und schweigt.

JSBX bewahren sich auch im Jahr 2002 die nötige Portion Distanz zu den hässlichen Seiten des Musikzirkusses, genauso wie die Fähigkeit, sich selbst zumindest soweit zu überraschen, dass ihnen hinterher mehr oder weniger die Worte für ihre Taten fehlen. Wie die Geschichte von Rock (und Pop) lehrt, nicht die schlechteste Befindlichkeit, voll in seiner Musik aufzugehen und Großes zu leisten.

Als ich ihnen am Ende des Interviews noch die Frage stelle, ob es sie störe, dass man ihre Songs kostenlos herunterladen könne, war die Antwort dann auch keine wirkliche Überraschung mehr. Spencer: “Das interessiert mich nicht so sehr, die Leute konnten sich ja früher auch Kassetten überspielen.” Simins [etwas verwirrt]: “Du kannst ja jetzt eh nichts mehr so runterladen wie früher. Du musst doch eine Gebühr entrichten.”

“Okay”, denke ich, “dieser Kelch, ihnen hier und jetzt das Gegenteil schonend beizubringen, soll an mir vorüberziehen”, und verabschiede mich, als Judah Bauer mein Mikrofon bemerkt. “Hey, wow. Das ist das beste, mit dem wir heute interviewt wurden. AKG machen echt super Mikrofone.” Nerds rule. Auch Rock. P.S.: Apropos Judah Bauer und die eingangs erwähnte Platte “Keep it coming” von 20 Miles: In jedem Fall empfehlenswert und hier bestimmt bald ein Thema.

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